Kinder ertrinken lautlos

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Datum

15.06.2021

Kinder ertrinken lautlos

Sieben von zehn Kindern lernen Schwimmen von den Eltern. Doch Hallenbäder waren lange gesperrt, Schwimm-Unterricht ist ausgefallen. Das könnte in der Badesaison gefährlich werden.

Gesperrte Hallenbäder, ausgefallene Schwimmkurse. Die Corona-Pandemie hat viele Nebenwirkungen. „Wir schätzen, dass rund 300.000 Kinder vergangenes Jahr und heuer nicht schwimmen gelernt haben“, sagt Martin Grunert vom „Dachverband österreichische Schwimmschulen“. „Es wird mit Sicherheit zwei bis drei Jahre dauern, bis das nachgeholt ist. Heuer ist es auf jeden Fall problematisch.“

Schon vor Corona konnten 700.000 Menschen in unserem Land nicht schwimmen. Bei tödlichen Kinderunfällen gehört Ertrinken zu den häufigsten Todesursachen. Jetzt kommen noch tausende Kinder ohne Schwimmkenntnisse dazu. Das könnte in der Badesaison gefährlich werden. „Wir befürchten, dass es zu mehr Badeunfällen kommt“, erklärt Elisabeth Fanninger vom Verein „Große schützen Kleine“. Auch weil „jetzt mit Volldampf alles nachgeholt werden will, was an Freizeitaktivitäten lange nicht möglich war. Die Bäder werden sicher gestürmt, dazu kommt, dass viele Familien eigene Schwimmbecken angeschafft haben.“

Gehirnschäden bei drei Minuten unter Wasser
Die mehrfache deutsche Schwimm-Weltmeisterin Franziska van Almsick rechnet sogar „mit einer ganzen Generation, die nicht schwimmen lernen konnte“. Sie engagiert sich mit ihrer Stiftung für eine bessere Schwimmausbildung. Und appellierte kürzlich in einem Interview an alle, rund ums Wasser aufmerksam zu sein. „Jeder Einzelne muss ein bisschen Bademeister sein.“
Wobei sich Erwachsene nie darauf verlassen dürfen, dass ohnehin irgendjemand aufpasst. „Im Meer oder See reichen ein paar Sekunden, in denen das Kinder unter Wasser ist, dass es nicht mehr zu sehen ist. In öffentlichen Bädern ist der Vorteil, dass die Kinder schneller gefunden werden, wenn sie untergehen und die Rettungskette gut funktioniert“, sagt Elisabeth Fanninger. Doch „schon bei drei Minuten unter Wasser ist mit Gehirnschäden zu rechnen.“

Kleinkinder erstarren beim Untergehen. Aber auch ältere Kinder im Volksschulalter ertrinken lautlos. „Es ist auch für Erwachsene nicht möglich, ohne Luft um Hilfe zu rufen, beziehungsweise kann Wasser in die Atemwege kommen und einen Stimmritzenkrampf auslösen. Und Kinder gehen rasch unter“, weiß Martin Eberl vom Wasserrettungs-Landesverband Oberösterreich.
Ab etwa fünf Jahren können Kinder richtig schwimmen lernen. Doch erst mit neun oder zehn Jahren ist die psychomotorische Entwicklung so weit, dass der Nachwuchs auch in heiklen Situationen richtig reagiert. Für einen Sechsjährigen, der im Becken gut unterwegs ist, reichen unter Umständen im Meer eine plötzliche Welle oder Schlingpflanzen im See aus, um in Panik zu geraten.

In den Schulen ist der Schwimmunterricht zuletzt weitgehend ausgefallen, aber auch private Schwimmkurse waren nicht möglich. „Es war ein Fehler, dass die Hallenbäder lange gesperrt waren“, kritisiert Martin Grunert, der eine Schwimmschule in Salzburg betreibt. „Studien zeigen, dass das Ansteckungsrisiko in den Bädern gering ist. Die Problematik ist meistens der Eingangs- und Umkleidebereich, in der Halle selbst ist die Infektionsgefahr gering. Chlorwasser wirkt desinfizierend, in den Bädern ist ausreichend Lüftung vorhanden.“ Sportler durften zum Trainieren teilweise nach wie vor in die Bäder. „Aber für Anfänger-Schwimmkurse sind sie nicht offen gewesen“, ärgert sich Grunert. „Das ist nicht nachvollziehbar.“

Viele weichen auf Naturbadeplätze aus
Derzeit ist die Nachfrage nach Schwimmkursen groß. „Bei uns dauert es zwischen elf und 13 Stunden, bis die Kinder schwimmen können, je nachdem, wie fit sie sind“, erzählt der Schwimmschul-Betreiber. Mit einem Kurs ist es aber nicht getan. „In den Schwimmschulen legen wir die Grundbasis, aber die Eltern sollten danach regelmäßig mit den Kindern üben.“
Viele werden auch heuer wieder in die Natur ausweichen. Im vergangenen Jahr wurden „frei zugängliche Badeplätze äußerst stark frequentiert“, erklärt der Wasserretter Martin Eberl. „Dass nicht mehr passiert ist, war teilweise dem eher schlechten Wetter zuzuschreiben. Und wir hatten in Oberösterreich viel Glück. Es gab mehrere schwere Badeunfälle, bei denen Augenzeugen genau richtig reagiert haben.“

Experten empfehlen, als Erstes immer den Notruf zu wählen. Wer sich körperlich in der Lage fühlt, einem Ertrinkenden selbst zu helfen, sollte sich unter anderem nach einem schwimmenden Rettungsmittel wie einer Luftmatratze umsehen. Denn ohne „Schwimmhilfe“ ist eine Rettung schon aus 15 Metern Entfernung nur für tatsächlich gute Schwimmer möglich. Immer wieder geraten auch Helfer bei einem Rettungsversuch selbst in Gefahr.

Die Zahl der Nichtschwimmer ist auch schon vor Corona gestiegen. Sieben von zehn Kindern lernen laut einer Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit von ihren Eltern Schwimmen. Doch „auch viele Erwachsene können nicht schwimmen“, weiß Elisabeth Fanninger von „Große schützen Kleine“. „Wenn das in der Familie kein Thema ist, bleibt nur die Schule, wo die Kinder Schwimmen lernen können. Deswegen wären landesweit verpflichtende Schwimmkurse am Ende des Volksschulalters wünschenswert, damit die soziale Benachteiligung keine Rolle mehr spielt.“

Sicherheitstipps vom Wasserretter

  1. Vor allem bei niedrigen Wassertemperaturen den erhitzten Körper unbedingt langsam abkühlen und nicht rasch ins Wasser gehen. Es kann durch den hohen Temperatur-Unterschied Kreislaufschwäche oder Kollaps drohen. Bei äußerst kaltem Wasser treten auch rasch Ermüdung und Krämpfe auf.
  2. Fünf bis zehn Meter parallel zum Ufer schwimmen und nicht Richtung Seemitte. Im Notfall kann man sich selbst leichter ans Ufer retten. Ist jemand auf Hilfe angewiesen, sehen die anderen Menschen eher die Notsituation und können auch leichter zu Hilfe kommen. Denn Schreien oder Winken ist für einen Ertrinkenden nicht möglich.
  3. Kinder niemals unbeaufsichtigt in Wassernähe lassen, selbst Planschbecken können für Kleinkinder zur tödlichen Gefahr werden. Auch Schwimmreifen oder Schwimmflügerl können leicht abgestreift werden und bieten keine hundertprozentige Sicherheit.

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